Die Besonderheit der Nacht im Alltag von Heimen. Das Beispiel der Anstalt Stetten im Remstal

Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt, Kulturwissenschaftlerin Esslingen

Einblicke in das Nachtleben einer Anstalt

Die Nacht hat wie das Fremde mindestens zwei Seiten, das Faszinosum und das Schaudernde. Was Nachts geschieht, liegt per se im Dunklen und außerhalb der gängigen Betrachtungsweise, denn diese und der Alltag und dessen Geschichte selbst wird zumeist über die Abläufe, die Normen, Kontextualisierungen und Deutungen des Tages beschrieben. Die inzwischen große Zahl von Publikationen zu Heimen und ihrem Alltag bleibt in einem sehr wörtlichen Sinn bei dem Betrachten des Tages und dessen Strukturen, sowie der Gestaltung desselben durch Regel, durch Mitarbeitende wie Bewohner*innen verhaftet. Die Nacht fehlt häufig – und erscheint somit zumindest in der Darstellung eher unterbelichtet und düster. Einen Zugang zu einer Geschichte einer Institution über nächtliche Ereignisse zu wählen, mag zunächst verwundern, erscheint aber bei einer Anwendung des Konzepts der Heterotopien von Michel Foucault[1] nur eine konsequente Fortführung zu sein, da in diesem Konzept die Heterotopie mit der Heterochronie verbunden ist und in Beziehung steht. Das Konzept der Heterotopien[2] eröffnet eine räumliche und auch den Eigensinn[3] mitbedenkende Analyse der Anstaltswelt. Nach Foucault „existiert in jeder Gesellschaft eine Wissensordnung, welche man als Gesamtheit aller Wissensbestände, Weltanschauungen, Handlungsmuster und daraus abgeleiteter Praxen definieren kann. Diese Wissensordnung, man kann auch vom sozialen Wissen sprechen, konstituiert sich auch durch die Ausgrenzung jener Räume, in denen die Regeln, die sich im herrschenden Diskurs herausgeformt und gesellschaftliche Geltung erlangt haben, zeitweise suspendiert oder gänzlich aufgehoben sind. Sie werden zu Heterotopien, zu anderen Orten. (…) diese Heterotopien fallen aus der gesellschaftlichen Ordnung heraus. Ihre Existenz aber spiegelt die Ordnung der Mehrheitsgesellschaft wider.“[4] Die bewusste Konstruktion als „anderer Ort“ fällt ebenfalls im Umgang mit der Nacht auf und verweist daher auf die Konstruktion der Heterotopien, die häufig an Zeitschnitte, bzw. Heterochronien gebunden sind. Die Heterotopie erreicht ihr volles Funktionieren, wenn die Menschen mit ihrer herkömmlichen Zeit brechen. Dies kann sein, dass Dinge konserviert werden und etwas Ewigliches geschaffen wird, wie bei Museen oder Bibliotheken oder umgekehrt etwas ganz der Vergänglichkeit und dem Vorübergehenden gewidmet ist, wie bei Festen. Beides, das Dauerhafte, wie auch das kurzfristige, schuf diese Einrichtung. Im Remstal gelegen bildete diese protestantische Anstalt in dem kleinen Dorf Stetten eine Welt in der Welt. Während des Nationalsozialismus waren hier 404 Personen als lebensunwert selektiert und in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb oder in Hadamar ermordet worden.[5] Schon 1948 konnten die ersten Bewohnerinnen und Bewohner wieder in die Einrichtung für „Epileptiker und Schwachsinnige“, wie sie zu dieser Zeit hieß, einziehen. 1950 lebten dort 288 Personen, fünf Jahre später waren es 817. Die Klassifikation erfolgte in „Schwachsinnige und Epileptiker“, obgleich auch ein großer Teil unter diesen als Fürsorgezöglinge aufgenommen worden war. Die in den 1920er Jahren formulierte Vision, die Anstalt in Form einer „christlichen Anstaltsfamilie“[6] aufzubauen wurde weiterverfolgt. Damit wurde Kontinuität trotz des Zivilisationsbruchs[7] suggeriert und die Unvergänglichkeit der Anstalt und ihrer Idee betont.

 Frauenbereich um 1960

Gliederung

Zunächst wird die Nacht mit ihren sie konstituierenden Merkmalen und auch Bedeutungen beleuchtet, womit der Fokus auf die Heterochronie geschärft wird. Anschließend wird in einem weiteren Spot die Reglementierung der Nacht erhellt und danach die Nacht aus der Sicht der Nachtwärter der Anstalt dargestellt. Quellenkritisch ist anzumerken, dass, obgleich Gespräche mit Bewohner*innen der Einrichtung geführt wurden, nur verzerrt über dritte und in lediglich kleinen Teilen direkt, Einblicke in ihr Handeln und ihrem Blick auf die Nacht gewährt werden kann. Gezielte weitere qualitative Forschungen mittels narrativer Interviewmethoden könnten die emische Sicht ermöglichen.

Die Bedeutung der Nacht

Die Nacht ist, nach dem Grimmschen Wörterbuch von ihrer Bedeutung „im eigentlichen Sinne die Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang (vgl. Nachtzeit), besonders die völlige Dunkelheit dieses Zeitraums. Die Nacht ist der Gegensatz zum Tag und wie dieser in poetischer Redeweise oft mit mehr oder minder lebendiger Personification aufgefaszt.“[8]

Die Nacht ist nach dem durchaus kritisch zu verwendenden Handwörterbuch des Aberglaubens auch unter ihren besonderen Zeiten und Begrenzungen zu sehen, wie der Dämmerung, der Zeit um Mitternacht und dem Tagesanbruch. Die in diesem Werk dargelegten Zuschreibungen zur Nacht sehen sie als Mutter des Tages, als Tochter des Chaos, als Schöpfung des Teufels und betonen die dualistische Vorstellung[9] unter ihren Zuschreibungen. In der Enzyklopädie des Märchens betont die Volkskundlerin Brigitte Böhnisch-Brednich die binäre Opposition noch deutlicher. Sie führt aus: „Das wichtigste Charakteristikum der Nacht ist die Dunkelheit, die zwischen Abend und Morgen, zwischen Untergang und Aufgang der Sonne herrscht. Der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht dominiert alles irdische Leben, ähnlich wie die binären Oppositionen Sommer und Winter, Leben und Tod, Hell und Dunkel, Gut und Böse. Der biologische Rhythmus von Pflanzen, Tieren und Menschen wird durch die Abfolge von Tag und Nacht in eine Zeit der Arbeit und eine Zeit der Ruhe gegliedert. Im Volksglauben und in Volkserzählungen ist die Nacht gekennzeichnet durch die Abwesenheit des Lichts. Mit Nacht sind negativ besetzte Begriffe wie Tod, Sünde, Verbrechen, Numinoses oder Unwissenheit ebenso verbunden, wie Vorstellungen von verstärkter Kommunikation und Geselligkeit der Menschen bei Erzählanlässen, Festen, Feiern und der Sexualität, ferner von Stille, Arbeitsruhe, Schlaf und Traum.“[10]

Auch der Titel der 2004 stattgefundenen kulturwissenschaftlichen Ausstellung im Rahmen eines Studienprojekts betont mit der Headline „Nachts. Wege in andere Welten“[11] die Exklusivität der dunklen Tageshälfte. Im einleitend vorgenommenen Forschungsüberblick wird herausgestellt, dass die kulturwissenschaftliche wie die historische Forschung sich bisher nur marginal der Nacht widmete.[12] Trotz neuerer Studien stellt sich auch nach 15 Jahren der Blick auf die Nacht als großes Forschungsdesiderat dar.[13]

Bezogen auf das Konzept der Heterotopien ist zu fragen, wie die Nacht in der Anstalt Stetten im Remstal in dem Untersuchungszeitraum zwischen 1950 und 1975 gestaltet wurde, welchen Regeln sie folgte und wie diese sich - verglichen mit der Nacht im Dorf - unterschieden.

Weiter erscheint es spannend, danach zu schauen, wie die Übergänge gestaltet wurden, wie das Chaos der Nacht kontrolliert wurde und wie sich die Allzeitlichkeit und Kurzlebigkeit in der Nacht manifestierte.

Regeln der Nacht

 

In dem sehr umfangreichen in der Einrichtung beherbergten historischen Archiv der Diakonie Stetten findet sich für den Untersuchungszeitraum bis 1975 keine Dienstanweisung für Nachtwachen, die die normative und strukturelle Ebene darstellen würde. Erst für das Jahr 1981 liegt eine solche für die Zweigstelle Hangweide, ein 1958 erstellter kompletter eigener Häuserkomplex bzw. Siedlung/ Dorf für Menschen mit Behinderung, vor.[14] Doch über die Nacht, deren Beginn und Ende, deren Regeln dem Reden über die Nacht oder die Verantwortung für das Erwünschte, nämlich, eine ruhige Nacht, wird an vielen Orten verhandelt. Eine besonders wertvolle Quelle ist das einzige überlieferte Nachtwachenbuch[15] von der Anstalt Stetten und dem sich dort befindlichen Anstaltskomplex mit dem Männerhaus, dem Schloßgebäude, dem Landenbergerhaus, dem Rößle, dem alten Krankenhaus und dem Gärtnerhaus. Dieses Nachtwachenbuch wurde als Übergabeinstrument von 1957 bis 1962 geführt und gibt vor allem die Besonderheiten wieder – liefert aber auch Erkenntnisse über die jeweiligen Nachtwächter und ihre unterschiedlichen Aufmerksamkeiten und Narrationen über die Nacht und deren sinnlichen Darbietungen wie die Geräusche oder die huschenden Schatten. Auch sichtete der mit Inspektor titulierte Anstaltsleiter Ludwig Schlaich, der ebenfalls der Nacht trotzte, das Nachtwachenbuch, kommentierte es und verwies auf die Normen.

Während in den 1930er Jahren in einigen Häusern das angestellte Personal in einem der Schlafsäle mit übernachtete, und der Schlafbereich oft nur provisorisch durch Vorhänge oder eine dünne Bretterwand von dem der Insassen getrennt war, schliefen in den Nachkriegsjahrzehnten in den Häusern die sogenannten Hauseltern im Gebäude in ihren eigenen separaten Wohnungen. Die Verantwortung für die Bewohner*innen im Anstaltskomplex in Stetten hatte neben den in den Häusern untergebrachten Hauseltern und der Krankenschwester im Krankenhaus der Nachtwärter. Diese Aufgabe wurde ausschließlich Männern übertragen. Die fachliche Qualifikation war zumindest in den ersten Nachkriegsjahrzehnen wenig bedeutend, so wurde auch in den 1960er Jahren ein Molkereigehilfe[16] als Nachtwächter angestellt, häufig jedoch waren es Diakone. Lediglich in dem Gebäude, in dem Schwerstpflegebedürftige lebten, dem sogenannten Krankenhaus, hatte noch eine zusätzliche, pflegerisch ausgebildete Krankenschwester Dienst. Ein als angehender Pfarrer in der Einrichtung eingesetzter Praktikant beschrieb die Nachtwachenaufgaben derart: „Bei dieser Tätigkeit hatte ich alle zwei Stunden Rundgänge zu unternehmen, zweimal die Bettnässer zu setzen; weiter hatte ich dafür zu sorgen, daß in keinem der mehr als zehn Komplexe umfassenden Gebäude der Anstalt eingebrochen wurde; daß fieberkranke Kinder und Erwachsene ihre kalten Umschläge bekamen; um drei Uhr morgens mußte ich zwei in der Bäckerei beschäftigte Pfleglinge im Männerhaus wecken, um fünf Uhr beim Frühdienst in der Küche mithelfen, manchmal auch bei einer Gruppe das Wecken übernehmen.“[17]

 Bäckerlehrlinge

Da männliches Personal nicht die Schlafräume der Frauen betreten durfte, war die Hausmutter oder die Krankenschwester der Schwerstpflegebedürftigen für die Mädchen ab der Pubertät und die Frauen zuständig. Nur wenn der Nachtwächter Unruhe, laute Geräusche oder sonst etwas Auffälliges bemerkte, ging die Krankenschwester dorthin. Ansonsten blieben die dort wohnenden Mädchen unter sich. Die sogenannten „Bettnässer“, die zum Toilettengang geweckt wurden oder bei denen das Bett frisch bezogen wurde, waren mit einem an das Bettgestell angebundenen Strumpf gekennzeichnet.[18]

Die Dauer des Tages und der Nacht erlebten die in der Einrichtung Untergebrachten als unveränderbar, die der sonst üblichen rhythmischen jahreszeitlichen Abfolge widerlief. Eine Bewohnerin der Einrichtung, die 1953 als Kind nach Stetten kam, berichtet: „Wir haben um halb acht ins Bett müssen, und bis acht durfte man lesen. Und dann hast du das Licht ausmachen müssen. – Sommers wie winters.“[19] Damit war für die meisten in den 1950er und 60er Jahren dort lebenden sogenannten „Pfleglinge“ die Nacht klar festgelegt und aus der Unterschiedlichkeit der Jahreszeiten und den damit verbundenen sich verschiebenden Zeiten der Dämmerung und Dunkelheit enthoben. Während im Sommer im Dorf Kernen die Kinder zu dieser Zeit noch auf der Straße spielten, hatte hinter den Mauern der Einrichtung für die allermeisten Ruhe zu herrschen. Das Tor, das den Auslass aus den die Anstalt umgebenden Mauern tagsüber ermöglichte, wurde verriegelt, die einzelnen Gebäude zudem noch abgeschlossen. Die Trennung zwischen Tag und Nacht sollte deutlich werden und sich auch als klare Zäsur an Ritualen und sachkulturellen Elementen wie der Kleidung manifestieren. So verfasste der Anstaltsleiter Ludwig Schlaich 1952 einen Umlauf, in dem er schrieb: „Wie ich beobachte, haben manche Pfleglinge immer noch keine Nachthemden und sind andere zu faul, sie anzuziehen. Ich bitte, die Pfleger u. Pflegerinnen sie anzuhalten, daß sie dafür sorgen, daß jedes vor dem Zubettgehen das Hemd wechselt. Es darf niemand seine Unterhosen, Socken usw. anbehalten.“[20]

Auf den jeweiligen Gruppen wurde die Nacht, abhängig von dem Arbeitskonzept der Gruppenleitungen, nicht selten noch weiter in den Tag verlegt, was jedoch von der Anstaltsleitung moniert wurde. So lautete eine Dienstanweisung aus dem Jahr 1971: „Alle Behinderten sind einmal am Tag von Kopf bis Fuß zu waschen. (…) Vor dem Nachtessen gebadete Kinder dürfen nicht, nur mit dem Schlafanzug bekleidet zu Tisch sitzen, sie sollten noch einen Morgenmantel oder Trainingsanzug anhaben.“[21]

Eine Ausnahme in dieser strengen, sehr früh definierten Nacht galt für diejenigen, die, meist als Fürsorgepfleglinge, eine Berufsausbildung absolvierten. Die männlichen Auszubildenden wohnten im Gärtnerhaus. Einige von ihnen durften sich auch mit einer jeweils für einen Tag gültigen Genehmigung noch länger als der üblichen Zubettgehzeit außerhalb der Anstalt aufhalten.

Ausgangskarte

So durfte Eugen Buchert am Sonntag um 21 Uhr 15 zurückkehren. Für die Haushaltslehrlinge begann der Abend nach der bis 18:00 dauernden Arbeit um 18 Uhr 5 mit dem Abendessen, dem folgte die Andacht und von 19 Uhr bis 21 Uhr eine mit keinen Aufgaben definierte Zeit, die damit endete, dass sie um 21 Uhr im Haus sein mussten – und um 21 Uhr 30 das Licht gelöscht wurde und Ruhe herrschen musste.[22] 

Sehr restriktiv erscheint der Mechanismus des Öffnens und Schließens als rhythmisches Handeln zur Definition von Drinnen und Draussen, zu der von Bewohner*innen und Mitarbeitenden, zu der von Tag und Nacht. Um 22 Uhr wurde das Tor geschlossen, und damit galt die Nachtruhe für alle Mitarbeitenden und Bewohner*innen der Anstalt. Kam ein Beschäftigter oder eine Beschäftigte der Anstalt nach 22 Uhr zurück, so musste gewartet werden, bis der Nachtwächter oder die Nachtwache des Krankenhauses das Tor öffnete. Damit konstruierte die Anstalt eine Heterotopie, denn solcherart Regeln existierten im nahen Umfeld nicht – im Dorf selber waren die Haustüren selten nachts geschlossen.

Das Schließen zeigte sich auch im Umgang mit unruhigen Bewohner*innen im Krankenhaus, die nachts mittels Fixierungen, Riemen aus Leder, angebunden wurden. Der übliche Begriff dafür war „eingepanzert“.[23] Ein Praktikant erwähnte, dass es ihn anfangs schockiert habe, er sich aber dann daran gewöhnte, weil er die Notwendigkeit eingesehen habe. Nachts, so scheint es galt die Maxime, dass die Unruhigen gebändigt werden müssten, um das Ideal der Ruhe zu erreichen. Die Begrifflichkeit aus dem militärischen Bereich verweisen auf Gewalt, Kampf und Kriegstechnologie, auf Sieger und Besiegte.

Jegliche Veränderungen an dem Reglement der Übergänge von Tag und Nacht widersprachen der Ordnung, die ein Grundideal der Anstalt darstellte. So berichtete ein ehemaliger Praktikant resigniert: „Als unsere Stationsschwester in Urlaub war, gewöhnte sich ein kleiner Bub an, nach dem ‚Gute-Nacht-Onkel’ [das heißt, nachdem er ihm Gute Nacht sagte] und der Abendandacht an durch ein paar Zimmer zu gehen und dort ‚Gute Nacht’ zu sagen. Ich war einmal zufällig in einem solchen Zimmer und es hat mir so imponiert, wie dieser kleine Bengel von Bett zu Bett schwankte – er ist gehbehindert – und jedem ’Gute Nacht’ wünschte. Das hat mich so sehr gefreut, daß ich ihm sagte, das solle er nun jeden Tag machen. – Nun kam die Schwester zurück und war gewöhnt: 19.25 Uhr Gute-Nacht-Onkel, Andacht, ins Bett; sie hat ihm prompt verboten, besagten Rundgang zu machen.“[24]

Obgleich ein mögliches Chaos als der Gegenpol der zur Norm definierten Nachtruhe vermieden werden sollte, führten manche der Schließmechanismen zu eben solchem Chaos und zur Unordnung. So berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter: „die Kindergruppe hat zwei Schlafsäle gehabt, einen mit 4 und einen mit 5 Betten, und beide waren nachts abgeschlossen und beide Gruppen haben dadurch keinen Zugang zur Toilette gehabt, sondern da stand für die Nacht so ein Toilettenstuhl im Zimmer. Wenn ich morgens gekommen bin dann lag einer […] im Bett, hat seinen Fuß an die Decke gestreckt und den Eimer vom Toilettenstuhl an seinen großen Zeh gehängt und der war dann voll und hat den hin- und her geschaukelt. So ist man praktisch schon morgens gekommen. Und das war halt der erste Eindruck.“[25]

Die Herrschaft über die Nacht, über das Böse, das Wilde, das Magische und Numinose zu gewinnen, mag sicherlich  ein Anliegen der Anstalt gewesen sein, diverse Regeln zur Strukturierung des Anfangs und Endes der Nacht zu erlassen. Ein nicht über seinen Aufgabenbereich definierter Wächter über die Nacht und gleichzeitig einer, der häufig, in den Erinnerungen der Mitarbeitenden und „Pfleglinge“ immer die Regeln der Nacht Missachtender war Anstaltsleiter Ludwig Schlaich. Bei ihm war oft das Licht bis über die als magisch geltende grenzziehende Uhrzeit „Mitternacht“ hinaus noch an, da er an seinem Schreibtisch saß und arbeitete. Von der Arbeitsteilung her war der Nachtwächter für Ruhe und Ordnung in der Anstalt zuständig. Viele Notizen in den Sozialakten der Bewohner*innen oder in dem vom Nachtwächter geführten Nachtwachenbuch sind beispielhaft dafür, dass insbesondere die Jugendlichen ihren Eigensinn, ihre Ungezähmtheit, ihre Widerständigkeit in diesem weniger beachteten Zeitraum auslebten und demonstrierten.

Der Nachtwärter – ein Wachender über die Schlafenden – ein Herrscher über die Nacht?

 

Das einzige überlieferte Nachtwachenbuch erscheint als Kondensat der Besonderheiten der Nacht, der kleinen und großen Ärgernisse, der wiederkehrenden Missstände, der Verstöße gegen die Ruhe der Nacht und der Sorge um einzelne Bewohner*innen. Im Jahr 1958 klang der erste Eintrag für die Nacht vom 3. auf den 4. Januar zunächst resigniert: „Es beginnt wieder das alte Elend an der Pforte, die Zuhaltung schließt nicht mehr.“[26]

Vermutlich waren mit dem neuen Jahr Hoffnungen verknüpft gewesen, dahingehend dass manche Mängel behoben würden, die nun gleich enttäuscht wurden. Und neben dem Problem mit der Pforte machten sich die zyklisch auftretenden „schwarzen Käfer“ wieder breit. Zu diesen heißt es am 4./5. Juli „In den Gängen im Schloß überall zahlreiche schwarze Käfer!“ Und zwei Tage später verknüpft der Nachtwächter dieses Thema mit anderer Unordnung. „7.8. Juli 1958 Dienst: M. Als ich gegen 2 Uhr vom Rundgang beim Männerhaus zurückkam, trieb sich der Pflegling R. in den Zimmern des Knabenganges herum. Er behauptete nicht zu wissen, wo er sich befindet! (Nachtwandler? Dieb? ‚Igeleleien‘?) gegen ½ 4 treibt sich eine grau-weiß gefleckte Katze im Haus herum. – Achtung ’Tollwutgefahr’!“ Der tags darauf diensthabende Nachtwächter kommentierte diese Befürchtung derart: „Die Katze fängt sich Schabenkäfer!“

1./2.5. 1958 hieß es: „die R. aus dem Mädchenhaus trifft sich Abend für Abend mit einem Schuhmacherlehrling der Hangweide. Heute Abend konnte ich den Burschen stellen, es wäre aber sehr gut wenn der Herr Inspektor den jungen Mann mal selber zur Sache vernehmen würde.“ Und am „6.7. 7. In der letzten Zeit sind Abend für Abend die Pfleglinge M. u. Z. sowie die R.r u. T. beim Krankenhaus hinten auf einer Bank. Sie wurden schon verschiedentlich aufgefordert um 9 Uhr zu Bett zu gehen, von 1/2 10 U sind sind(!) die Frauen noch nicht gegangen. M. und Z. sitzen sowieso jeden Abend solange beisammen. Herr Vierling, Frl. Sofie Ade, Frau Dierlamm [Hausmütter], alle haben schon mit den Pfleglingen gesprochen mit dem Erfolg, daß die Frauen hauptsächlich die R. recht unverschämt u. frech sind, sie laufen geschwind weg, setzen sich aber sofort wieder hin; Mehl und Zwickel bestärken die beiden dann, daß dieselben nachher noch lästiger sind wie vorher. (…) Ich bitte den Bericht Herrn Inspektor zuleiten zu wollen.“ Nun folgt ein Eintrag Schlaichs: „Ich bitte dringend darum solche Berichte unter allen Umständen streng vertraulich zu behandeln u. – auch nicht in guter Absicht – irgendwem etwas davon zu sagen. Nachtwächter: Ich bitte mich im Wiederholungsfall zu holen. Schlaich.“

11./12. Juni 1961: „Dienst: V. Die ‚Vorübergehend’ im Schloß schlafenden ‚Männerhäusler’ beim Übersteigen des Tores zw. Kr.[anken]Haus u. Turnhalle erwischt 22.30. Daraufhin noch zweimal mit voller Bekleidung aus dem Bett geholt. – Unruhe im Frauengang (23 00). Divisionen von Schwarzen Käfern im S, Hpt,.- Fl- pr.“ 12./13. Juni: „Dienst V. Wer spricht zu den schwarzen Käfern: Seid fruchtbar u. mehret euch? – aus den Divisionen wurden Armeen. Ungeachtet dessen, daß sie nur bei Nacht erscheinen, sollte man dennoch dagegen einschreiten.“ Sechs Wochen später heißt es knapp: „25.26. Juli H. Die schwarzen Käfer sind immer noch vorhanden.“

Den Nachtwächter beschäftigten neben den Schaben und Katzen meist die jugendlichen männlichen Bewohner des Gärtnerhauses, die als Fürsorgezöglinge in der Einrichtung gefördert werden sollten und als Lehrlinge sich in handwerklichen Berufen qualifizierten. Einige von ihnen verhielten sich nicht normgerecht, machten die Nacht zum Tag, suchten nachts den Freiraum, den sie sich tagsüber nicht einrichten konnten. Insbesondere ging es um den Kontakt zu den im Mädchenhaus untergebrachten jungen Frauen.

Die Aufeinanderfolge der Käfer/-Schabenthematik und der Bericht vom Herumstreunen der jungen Männer lässt in der Art der Narration die Realität mit der symbolbesetzten metaphorischen Beschreibung des Nachtwächters zu einem Bild der Nacht vereinen. Es werden hier mit der Schabengeschichte Themen und Phantasien angesprochen, wie die zügellose Sexualität und ungebändigte, nicht zu kontrollierende und zudem ungewollte Fruchtbarkeit, die Unordnung und der Schmutz, der Krieg, die Umkehr der göttlichen Vorstellung eines Zusammenlebens der Geschöpfe. Fruchtbarkeit wurde mit dem Verweis auf das Bibelzitat aus der Genesis des Buches Moses zwar als gottgewollte Form der Ordnung erklärt, aber nicht für die Schaben. Kaum wurde dieses Bild verlassen, wird das der herumstreuenden Jugendlichen benannt und so miteinander verknüpft. Dem Nachtwächter gelingt es nicht, Aufsicht auszuüben und Kontrolle über das Geschehen zu behalten, damit beliebt manches in seiner Phantasie und entgleitet in das Ungewisse Bild und die Vorstellung von „Igeleien“. Der Nachtwächter muss, ohne selber ausgerüstet zu sein, gegen die sich gegen ihn stellenden Armeen und Divisionen kämpfen.

Jugendliche vor dem Männerhaus

Einzig das Ende der Nacht, das Licht des Tages ist seine Waffe, durch das die Käfer wieder verschwinden und die Ordnung wiederhergestellt wird. Ähnlich wie Fabelgestalten und Irrlichter der Nacht tauchen die Schaben und die jungen Männer auf, werden kurz benannt und verschwinden wieder. Manche der Nachtwächter nehmen sie nicht wahr oder thematisieren dies auch nicht. Andere verschweigen beides auch bewusst, so wie es auch von der Leitung der Anstalt gewünscht ist. Das Unangepasste, das Abwegige sollte, dies suggeriert die Notiz von Ludwig Schlaich, nicht ans Licht gebracht, nicht diskutiert, nicht problematisiert werden. Es sollte von ihm höchstpersönlich behandelt werden, nicht jedoch unter den Nachtwächtern zu deren Aufgabe erwachsen. Die Dämmerung des Tages sollte gleichsam die Irrgänger wieder verblassen lassen. Während der Tag in der Einrichtung strukturiert war durch Andachten zu Beginn und Ende des Tages und die Pause zu Mittag mit dem Tischgebet begann, lebte der Nachtwächter außerhalb dieser Frömmigkeitsgepflogenheiten und ohne die damit nach dem Ideal hergestellte Beziehung in die bei Tag aktive christliche Gemeinschaft. Die Nacht zeigte sich somit erneut außerhalb der gewohnten und nach außen dargestellten Ordnung, den möglicherweise bösen Mächten näher.

Der empirische Zugang zur Nacht, und damit komme ich zum Schluss, wurde zunächst angerissen und müsste und könnte durch weitere Studien erweitert werden. Diese ersten Blicke auf die Nacht in einer Einrichtung zeigen bereits ihre Eigenheiten: zum einen ein Mehr an Restriktionen und Einschlüssen, was vor allem die als unruhig klassifizierten Menschen und die nicht in Ausbildung stehenden Kinder und Jugendlichen betraf, zum anderen die Freiheit, die manche erlebten. Denn sie kannten den Rhythmus der nächtlichen Rundgänge des Wärters gut und kosteten die Zeitspanne dazwischen aus – mit dem Risiko der Bestrafung, aber auch der Chance auf Milde.

Kontaktdaten: Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt Kulturwissenschaftlerin Esslingen Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Literaturverzeichnis

 

Alvarez, Alfred (1997): Die Nacht. Von Dunkelheit, Träumen und Nachtschwärmern. 1. Aufl. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Bächtold-Stäubli, Hanns; Hoffmann-Krayer, Eduard (Hg.) (1987): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Unveränd. photomechan. Nachdr. der Ausg. Berlin [u.a.] 1927-1942. 6 Bände. Berlin: De Gruyter.

Brednich, Rolf Wilhelm (Hg.) (2017): Enzyklopädie des Märchens [1-15]. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Walter de Gruyter GmbH & Co. KG. Unveränd. Nachdr. 9 Bände. Berlin: De Gruyter.

Diner, Dan; Benhabib, Seyla (Hg.) (1988): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Orig.-Ausg (Fischer-Taschenbücher).

Foucault, Michel (2013): Die Heterotopien: Suhrkamp.

Grimmsches Wörterbuch, zuletzt geprüft am 13.08.2019.

Kalusche, Martin (2011): "Das Schloß an der Grenze": Kalusche.

Lüdtke, Alf (2015): Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrung und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus. Neuaufl. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Massmünster, Michel (2017): Im Taumel der Nacht. Urbane Imaginationen Rhythmen und Erfahrungen. Berlin: Kadmos (Kaleidogramme, Band 145).

Schlör, Joachim (1994): Nachts in der großen Stadt. Paris, Berlin, London ; 1840 bis 1930. Ungek. Ausg (Dtv).

Schwibbe, Gudrun; Bendix, Regina (Hg.) (2004): Nachts. Wege in andere Welten. Göttingen: Schmerse Verlag.

Silberzahn-Jandt, Gudrun; Bönisch, Monika (2018): "… und da gab's noch ein Tor, das geschlossen war". Alltag und Entwicklung in der Anstalt Stetten 1945 bis 1975. Kernen-Stetten: Diakonie Stetten e.V.

Steffen, Katharina (1990): Übergangsrituale einer auto-mobilen Gesellschaft. Eine kulturanthropologische Skizze. Erstausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 1609 = N.F., 609).

Winkler, Ulrike (2018): Drinnen und Draußen. Die Rotenburger Anstalten und dies Stadt Rotenburg als Sozialräume. In: Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl, Sylvia Wagner und Ulrike Winkler (Hg.): Hinter dem Grünen Tor. Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945-1975. 1. Auflage. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte (Schriften des Instituts für Diakonie- und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Bethel, 32), S. 151–208.

 

[1] Foucault 2013.

[2] Winkler 2018.

[3] Lüdtke 2015.

[4] Winkler 2018, S. 157.

[5] Kalusche 2011, S. 383; Silberzahn-Jandt und Bönisch 2018, S. 15.

[6] Kalusche 2011, S. 493.

[7] Diner und Benhabib 1988.

[8] Grimmsches Wörterbuch.

[9] Bächtold-Stäubli und Hoffmann-Krayer 1987, Sp. 779–793.

[10] Brednich 2017, Sp. 1109–1110.

[11] Schwibbe und Bendix 2004.

[12] Steffen 1990; Schlör 1994; Alvarez 1997.

[13] Verwiesen sei hier auf die neuen Forschungen von Massmünster 2017.

[14] HADS 849. Die Überschrift lautet Nachtwachenpflichten. Die Dienstanweisung bezieht sich ausschließlich auf die Zweiganstalt Hangweide, den 1958 erbauten Gebäudekomplex im benachbarten Ortsteil. 

[15] HADS 850

[16] HADS 11

[17] Landeskirchliches Archiv Bestand L1 Diakonisches Werk  Nr. 1357

[18] Interview mit Frau Waibler am 25. November 2015

[19] Interview mit Hannelore Poré am 25.April4.2015

[20] HADS 863 Umlauf vom 9. Januar 1952

[21] HADS 847

[22] HADS 635 Tagesplan vom 13. Februar 1962

[23] Landeskirchliches Archiv Bestand Diakonie L 1 Nr. 1347

[24] Landeskirchliches Archiv Bestand Diakonie L 1 Nr. 1347

[25] Interview mit Walter Lindenmaier 30. September 2015

[26] Im folgenden HADS 650