Dr. Ute Niethammer

Kaiser, Krieg und Krankenhäuser – Der Johanniterorden und die christliche Liebestätigkeit im 19. Jahrhundert

Gliederung:

  1. Zur Genese des evangelischen Johanniterordens im 19. Jh
  2. Krankenhausbau als Ordenszweck
  3. Die Kriegskrankenpflege als Imagedurchbruch
  4. Der Ausbau der Krankenpflege durch die Johanniterschwesternschaft

Vortrag beim Diakoniewiss. Kolloquium in Bielefeld am 11.9.2019

 

  1. Zur Genese des evangelischen Johanniterordens im 19. Jh

Vom vorreformatorischen Orden zur evangelischen Ballei Brandenburg

Bestimmt kennen Sie das achtspitzige weiße Kreuz auf rotem Grund. Es wird heutzutage sowohl von den Johannitern als auch von den Maltesern verwendet. Und beide tun das zu Recht, denn die beiden Hilfsorganisationen alias Ritterorden haben eine gemeinsame Geschichte. Die führt uns in die Kreuzfahrerzeit, als mitten in Jerusalem aus einer Hospitalgemeinschaft nach und nach ein Ritterorden mit dem klangvoll umständlichen Namen Orden vom Hospital des Heiligen Johannes zu Jerusalem wurde. Auch Ritterlicher Orden vom Spital Sankt Johannis zu Jerusalem genannt.

In den folgenden Jahrhunderten hatte dieser Orden außer seiner Zentrale in Rhodos, später Malta, Besitzungen, Kommenden genannt, in ganz Europa, die von den adligen Rittern bewirtschaftet und verwaltet wurden. Das ursprüngliche Ideal der Versorgung von Kranken beschränkte sich auf Musterspitale auf Rhodos bzw. Malta. Im brandenburgischen Gebiet gerieten die dortigen Kommendatoren bereits im 14. Jh in Abhängigkeit von den preußischen Markgrafen. Als diese nach der Reformation den neuen Glauben annahmen, folgten die Ritter des eigentlich katholischen Ordens. So entstand der evangelische Zweig des Johanniterordens, Ballei Brandenburg genannt, dem jeweils ein Hohenzollernprinz als Herrenmeister vorstand. Für den evangelischen (preußischen) Adel wurde es bald selbstverständlich, diesem Orden anzugehören.

Der Ritterorden hatte sich – sowohl in seiner vorreformatorischen katholischen, als auch in seiner preußisch evangelischen Form – im Grunde längst überlebt, als Napoleon 1798 die Zentrale des Ordens auf Malta zerstörte. Im Zuge der Säkularisation löste Friedrich Wilhelm III. 1810 die preußische evangelische Ballei Brandenburg auf und nutzte die Besitzungen der Ballei, um die Reparationskosten an Napoleon zu bewältigen. Der König gründete den Preußischen St. Johanniterorden, einen reinen Verdienstorden, der mit seinem Namen lediglich das Gedächtnis an den alten Orden aufrechterhalten sollte. Die Zeit der Orden und Ritter schien endgültig vorbei.

So wirkt es auf den ersten Blick überraschend, dass nur 40 Jahre später Friedrich Wilhelm IV. in einer Kabinettsordre am 15.10.1852 feststellte: „Die Balley Brandenburg des evangelischen Johanniterordens ist (…) wiederhergestellt.“

Noch überraschender: Der evangelische Adel folgte dem Aufruf seines Königs: in Scharen ließen sie sich aufnehmen in den neuen, alten Orden. Neu daran war, dass mit der Mitgliedschaft keine Pfründe mehr vergeben wurden, sondern im Gegenteil von den Mitgliedern erwartet wurde, dass sie sich für Schwächere einsetzten; ausdrücklich indem der König dem Orden den Zweck der Krankenhausgründungen vorschrieb. Das alte Gelübde des vorreformatorischen Ordens beinhaltete den Kampf gegen die Feinde Christi (Muslime) sowie die Pflege der ‚Herren Kranken‘. Friedrich Wilhelms IV. Ordensgelübde richtete sich allgemein gegen die „Verstörer äußerer Ordnung“ und sah die christliche Liebestätigkeit v.a. in Krankenhausgründungen erfüllt.  

 

Tatsächlich standen hinter dem Erfolg der Ordenswiedergründung jedoch zweierlei Erwartungen: Einmal die Hoffnung des Königs, der nach den für ihn quälenden Verhandlungen um eine Verfassung 1852 just Restaurationsluft schnupperte und mit dem Orden den neuen politischen Tendenzen ein Symbol der alten idealisierten Ständegesellschaft gegenüberstellen wollte. Durchaus mit der Hoffnung, dass von dieser Elite ein solcher Ruck ausgehen würde, dass sich ganz Preußen wieder rückverwandelte.

Dies traf sich mit der Hoffnung der Adligen. In der ersten Hälfte des 19. Jh war der Adel zunehmend in Frage gestellt worden und hatte viele seiner alten Privilegien verloren. Mit dem Orden eröffnete sich die Möglichkeit, durch die öffentlichkeitswirksame Erfüllung traditionell mit dem Adel verbundener sozialer Pflichten die Privilegierung des eigenen Standes zu legitimieren und das Vertrauen der Menschen wieder zu gewinnen.

 

  1. Krankenhausbau als Ordenszweck

Auf der Suche nach der neuen Vorbildfunktion - Krankenhäuserbau

Mit der Idee, den Bau von Krankenhäusern v.a. auf dem „platten Land“ zu fördern, bewies Friedrich Wilhelm IV. sozialpolitisches Trendgespür. Er erkannte den Krankenhausbau als Nische, die von den adligen Rittern prestigeträchtig gefüllt werden konnte.

Mehrere Faktoren begünstigten den bis dahin wenig entwickelten Bau von sog. Normalkrankenhäusern jenseits der Universitätsstädte:

  • Das Gesetz (in Preußen) von 1842, das Kommunen und Gutsherrschaften verpflichtete, auch Personen, die sich durch Migration noch keine Wohnrechte erworben hatten, im Krankheitsfall zu unterstützen. Damit ging die Trennung der Krankenversorgung von der Armenfürsorge einher.
  • Die Familien von Lohnarbeitern liefen Gefahr, sozial zu verelenden, wenn der Hauptverdiener ausfiel. Es bestand vom Staat her großes Interesse daran, Menschen im Krankheitsfall wieder schnell arbeitsfähig zu machen. Die Wohnverhältnisse der Geringverdiener erschwerten Gesundungsprozesse in der Regel hygienisch.
  • Mehrere Typhus- und Cholera-Epidemien ließen die Rufe nach fachlich kompetenter medizinischer Versorgung von Menschen aller Stände lauter werden.

Gleichzeitig wurden die Kommunen beim Bau von Krankenhäusern vom Staat allein gelassen und waren deswegen auf Spenden von Bürgern oder Vereinen angewiesen. Eine ideale Ausgangslage für den Johanniter-Orden, dessen Mitglieder in der Regel nicht nur Geld hatten, sondern auch bestens vernetzt waren mit den wichtigen Funktionären ihrer Zeit.

So konnten die Johanniter schon 1855, nur zwei Jahre nach der Restituierung ihres Ordens 1853, ein erstes Krankenhaus in Jüterbog einweihen. Ermöglicht wurde dies durch eine Anschubfinanzierung der brandenburgischen Genossenschaft, die Schenkung des Bauplatzes durch die Kommune, einkommengestaffelte Tagessätze und den Einsatz von Diakonissen in der Pflege.

In den einzelnen Genossenschaften des Ordens entstand eine Art Wettstreit um Krankenhausgründungen, wobei diese sämtlich den zeitgenössischen höchsten medizinisch-pflegerischen Anforderungen genügten. Auch bei zeitweiliger Unterfinanzierung wurde das Niveau gehalten, und selbstverständlich hatte jedes Haus sog. Freibetten, für mittellose Menschen. Diese Freibetten wurden auch nach der Sozialgesetzgebung Bismarcks 1872 beibehalten, ja sogar erhöht, weil es immer wieder Kranke gab, die durch die Maschen der Gesetzgebung fielen.

Mit dem Einsatz von Diakonissen, die für höchstes pflegerisches Niveau standen, und medizin- und bautechnisch musterhaften Einrichtungen erfüllten die Johanniter also ihren Ordenszweck. Bald prangten Johanniterkreuze auf Einrichtungen in ganz Preußen. Jedes dieser Krankenhäuser hatte mindestens einen Ritter im Kuratorium oder Vorstand, so dass der Einfluss des Ordens garantiert blieb. Besonders viel Geld, Sorgfalt und Mühe verwandte man auf die Einrichtung eines Musterkrankenhauses in Sonnenburg – dort hatte die alte Balley ihren Sitz gehabt. Dort wurde ab 1858 wieder ein Krankenhaus und ein Ordenshaus auf- bzw. ausgebaut.

Doch allen Bemühungen und allem Aufwand zum Trotz: die Öffentlichkeit blieb dem Orden die Bewunderung schuldig! Die Erwartung, dass mit der karitativen Betätigung die Achtung des Volkes für den Adel einherginge, hatte sich nicht erfüllt.

„Helfen! Helfen! Das ist die Aufgabe des Johanniterordens; (…) dann wird unser Orden auch geliebt und populär werden im Volke“ – was einer der Ritter 1862 so überzeugt im ordenseigenen Wochenblatt beschwor, wollte sich einfach nicht erfüllen. Die überregionalen Zeitungen ignorierten den Orden weitgehend oder verspotteten die als anachronistisch empfundenen Rituale. Dass dem Orden der Bruder Friedrich Wilhelms IV. vorstand, also Prinz Carl von Preußen, und das leitende Kapitel sämtlich von konservativen Adligen besetzt war, wollte nicht passen zu all den Aufbrüchen der neuen Verfassungszeit.

 

  1. Die Kriegskrankenpflege als „Image“durchbruch:

Die Freiwillige Kriegskrankenpflege saniert das Ansehen des Ordens

Der Krieg brachte die Wende!

Ordenskanzler Eberhard zu Stolberg-Wernigerode ahnte 1864, dass der preußische Militär-Sanitätsdienst nicht ausreichend gerüstet war, um die Verwundeten und Kranken des Deutsch-Dänischen Krieges angemessen zu versorgen. Er organisierte deswegen auf Ordenskosten einen Freiwilligen Dienst der Kriegskrankenpflege. Dazu mobilisierte er Ritterbrüder, an entscheidenden Stützpunkten provisorisch eingerichteten Lazaretten vorzustehen, Ärzte zu verpflichten und die Rettung der Verwundeten auf den Schlachtfeldern sowie deren Versorgung zu organisieren. Außerdem erbat er sich von seiner Schwester, die Oberin des Diakonissenhauses Bethanien (Berlin) war, Schwestern für die Lazarette. Auch Brüder aus dem Rauen Haus ließ er sich durch Wichern vermitteln. Sein Konzept ging auf: Die Leistung des Ordens bei der Bergung, Versorgung und Rettung der Soldaten wurde nach dem Krieg allgemein anerkannt und gelobt. Endlich verband die „Welt“ Glanz mit dem Namen des Ordens. Endlich knüpfte man wieder an das Ideal des opferwilligen Edelmannes an. Endlich war der Begriff Ritter positiv in die neue Zeit gerettet.

Die weiteren Kriege der nächsten Jahre, der deutsch-österreichische Krieg 1868 und schließlich der Krieg gegen Frankreich 1870/71, befestigten den Ruf der Johanniter auf diesem Feld. Der Orden hatte sein Renommé-Betätigungsfeld gefunden.

 

  1. Der Ausbau der Krankenpflege durch die Johanniterschwesternschaft:

Im Kaiserreich

Im Kaiserreich zeigte sich ab 1871 ein verändertes Gesellschaftsbild: Die politische Gesamtlage verschob die Kritik an den alten Eliten ins sozialdemokratische Lager. Die liberalen Kräfte erwiesen sich durch ihre Kritik an der Sozialdemokratie als anschlussfähig an die konservativen Parteien; das Feindbild Adel hatte ausgedient. Unversehens und unwidersprochen besetzte der Adel wieder Führungsposten. V.a. als 1888 Wilhelm II. den Thron bestieg, war der Adel wieder als Elite anerkannt. Gleichzeitig wusste man im Adel: Dieser wiedergewonnene Platz an der Sonne war nur zu halten, wenn die standeseigene Vorbildlichkeit und Gemeinwohlorientierung öffentlich sichtbar waren.

Das führte zum einen zu einer Auseinandersetzung mit der Arbeiterfrage – der Orden scheiterte hier allerdings, aber das wäre Stoff für einen gesonderten Vortrag.

Ein zweiter Profilierungsstrang betrifft der Versuch der Johanniter, die eigenen Krankenhäuser zu spezialisieren und diversifizieren. Häuser mit zu geringer Auslastung öffneten im Sommer ihre Einrichtung zur Kindererholung. Andere probierten sich auf dem neuen Feld der Rekonvaleszenzpflege aus, die der Orden vermutlich tatsächlich angestoßen hatte. Daneben gab es im Kaiserreich nun auch Lungenheilstätten und -Sanatorien. Da jedoch auf allen Feldern die kommunalen und staatlichen Träger bald zur Konkurrenz wurden, konzentrierte man sich auf die Mustergültigkeit der eigenen Einrichtungen und die Freibetten.

Um neben einer außen- und innenarchitektonischen Vorbildlichkeit auch in Bezug auf Krankenpflege mustergültig zu bleiben, investierte der Orden in die Ausbildung von Frauen als Krankenpflegerinnen. Eigentlich um für die eigenen Häuser und den Kriegsfall stets genügend Schwestern zur Verfügung zu haben. Tatsächlich jedoch leisteten die Johanniter damit unfreiwillig einen Beitrag zur Emanzipation! Dazu muss ich etwas ausholen:

Im Bürgertum hatte sich im 19. Jh folgende Geschlechtermatrix herausgebildet: Dem Mann war als dem aktiven Pol die Sphäre der Öffentlichkeit zugeordnet, der Frau, als dem passiven Pol, wurden die innerhäuslichen Angelegenheiten zugeordnet. Mütterlichkeit galt entsprechend als Ideal der Frau, damit war nicht unbedingt Mutterschaft gemeint, sondern vielmehr die Ausbildung der pädagogischen, sittlichen und hauswirtschaftlichen Kompetenzen unter dem Schutz eines männlichen Patronats. Eine Tätigkeit als Diakonisse entsprach diesen Erwartungen also genauso wie das Dasein als Ehefrau und Mutter.

Angetrieben durch die Diskrepanz zu dieser Rolle durch die Umwälzungen, die die Soziale Frage mit sich brachte, stellten immer mehr Frauen diese Zuordnung in Frage. Zunächst im Arbeitermilieu beheimatet, stellten zunehmend auch Frauen aus dem bürgerlichen Milieu Forderungen an den Staat von der Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen bis hin zu ihrer Zulassung zum Universitätsstudium. Die Vielstimmigkeit der Frauenbewegung im Kaiserreich ist beeindruckend; adlige Stimmen sind jedoch nur vereinzelt darin zu vernehmen.

Warum?

Für Frauen des Adels traf die eben skizzierte Geschlechtermatrix so nicht zu. In jener Welt gab es keine strikte Trennung von öffentlicher und privater Sphäre, da der Herrschaftsanspruch des Adels auch im Privaten stets einen Öffentlichkeitsbezug beinhaltete. Im (gutsituierten) Adel hatten die Frauen beste Bildungschancen und waren außerdem von vornherein in das familienübergreifende System von Achtung und Versorgung eingebunden.

Dieses Versorgungssystem funktionierte jedoch im Kaiserreich nicht mehr reibungslos. Es wurde zunehmend schwierig, unverheirateten Töchtern eine standesgemäße Lebensaufgabe zu geben. Wo keine Pfründe in Fräuleinstiften bestanden oder das Vermögen der Familie nicht ausreichte, um den ‚übrigen‘ Frauen eine Wohltätigkeitsaufgabe ohne Einkommen zu ermöglichen, war die Leitung beispielsweise eines Diakonissenhauses eine angemessene Alternative. Solche Oberinnen hatten sich in der Regel nicht vorher zu einem Leben als Diakonisse verpflichtet, sondern sie erhielten nach ihrer Anwerbung durch ein Kuratorium das nötige praktische Wissen in einem Kompaktkurs. Diakonisse zu sein war im Prinzip für Frauen aus dem Adel wenig erstrebenswert, da die Unterordnung unter den Vorsteher nach dem Fliednerschen Prinzip sich mit adligen Prinzipien nicht vertrug. Als Oberin jedoch konnte eine adlige Frau das Selbstbewusstsein ihres Standes für die Einrichtung sinnvoll einbringen.

Nicht jede adlige Tochter war jedoch für eine solche Aufgabe geeignet. Immer mehr adlige junge Frauen verdienten ihren Unterhalt als Gouvernanten oder Privatlehrerinnen im Ausland, aber auch dies war keine Lösung für alle. Eine bürgerliche bezahlte Tätigkeit anzunehmen, blieb dennoch außerhalb der adligen Vorstellungskraft.

Deswegen entwickelte die Idee der Johanniter, auf Ordenskosten Pflegerinnen ausbilden zu lassen, die dann im Kriegsfall die für den Orden arbeitenden Diakonissen an deren angestammten Platz ersetzen sollten, eine wirksame Dynamik:

Im Krieg 1870 hatten sich rund 800 Diakonissen in der von den Johannitern organisierten Freiwilligen Kriegskrankenpflege bewährt. Damit war eine Grenze erreicht, denn mehr konnten die Diakonissenhäuser im Kriegsfall nicht entbehren, ohne ihre reguläre Arbeit zu gefährden. Auf katholischer Seite allerdings war fast die doppelte Menge an Schwestern im Einsatz gewesen. (Ein gutes Drittel unter dem Befehl der Rheinisch-Westfälischen Malteser).

Das Rote Kreuz bot seit 1866 Schwesternausbildungen an und hatte regen Zulauf. Die Johanniter waren zwar von Anfang an im Vorstand des Roten Kreuzes vertreten (und auch schon vorher bei den Verhandlungen um die Genfer Konvention), doch man wollte das Feld der Kriegskrankenpflege nicht an die humanitäre Organisation verlieren, sondern als evangelische Institution erkennbar bleiben. Um neben dem Roten Kreiuz auch das doppelspitzige weiße Kreuz auf rotem Grund zu erhalten, wurde die Ausbildung von Pflegerinnen auf Kosten des Ordens beschlossen, die dann den Entscheidungen des Kapitels bzgl. ihres Einsatzes Folge zu leisten hätten. Die Idee dazu hatte der neue Herrenmeister Prinz Albrecht von Braunschweig schon zu Anfang seines Vorsitzes vage formuliert.  Jetzt, 1886, machte sich der Staatsrat Albert Graf von Zieten-Schwerin (1835-1922) in dem neu geschaffenen Amt des Werkmeisters des Ordens ans Werk: Er handelte mit verschiedenen Diakonissenmutterhäusern Verträge aus, die dem Orden eine weitaus höhere Zahl an Diakonissen im Kriegsfall zusprach für die Gegenleistung, dass die Häuser auf Ordenskosten Frauen in Krankenpflege ausbildeten und somit in ihren Häusern auch Unterstützung hatten. Im Kriegsfall sollten diese Frauen dann die Diakonissen im Feld ersetzen. Sie verpflichteten sich, unentgeltlich ihren Dienst zu tun. (Ausbildungsdauer: 1/2 Jahr, ab 1909: 1 Jahr)

Das Konzept ging auf: Innerhalb von 10 Jahren wurden 1000 Lehrschwestern ausgebildet. Gerade weil die Ausbildung und Tätigkeit zur Johanniterschwester ein ehrenamtlicher Dienst war, übte sie v.a. für Frauen aus dem Adel eine große Anziehungskraft aus. Eine Tätigkeit, die nicht dem Broterwerb diente, jedoch für Respekt und Ansehen sorgte. Außerdem konnte man jederzeit aus familiären Gründen den Dienst unterbrechen bzw. aussetzen. Wer heiratete, wurde zunächst ausgeschlossen; allerdings gab es zunehmend Frauen, die sich später wieder zum Dienst verpflichteten oder nach der Familienphase ausbilden ließen. Wer jedoch die vom Johanniterorden bezahlte Ausbildung dazu nutzte, in einem Krankenhaus bezahlte Pflegearbeit anzunehmen, verlor sofort das Johanniter-Patent und musste die Ausbildungskosten zurückzahlen. (Aber: 1914 staatliche Prüfung, und 1911 schon Anerkennungen.)

Diese Verbindung von Ehe und einer qualifizierten, wenn auch ehrenamtlichen, Tätigkeit war neu im Adel. In den wirtschaftlich auch für viele Adelsfamilien schwierigen 20er Jahren legte diese Ausbildung den Grund dafür, dass im Zweifelsfall auch adlige Frauen ihre Familien durch Erwerbsarbeit ernähren konnten.

Die Entwicklung dahin hing auch mit den stets diffiziler werdenden Sozialgesetzen zusammen. Als immer mehr Johanniterschwestern Anfang des 20. Jahrhunderts sehr viel mehr Stunden in den Diakonissenhäusern oder Gemeindestationen arbeiteten als vorgesehen, mussten sie pflichtversichert werden. Das oblag zwar den Häusern, aber der Orden richtete immerhin einen Fonds ein, bei dem Johanniterschwestern im Alter eine Unterstützung beantragen konnten. (Entspricht dem Adelsprinzip der Barmherzigkeit.) Schließlich bildeten die Johanniterschwestern in den einzelnen Genossenschaften der Johanniter Schwesternvereinigungen und konnten so klar ihre Interessen gegenüber dem männlichen Kapitel formulieren und teilweise durchsetzen. Der Orden kam nicht umhin, den Schwestern ein monatliches Taschengeld zu bezahlen und – nach dem Krieg – auch die Versicherung hälftig zu übernehmen.

 

Der Erste Weltkrieg – Bewährung und Katastrophe

Evangelischer Adel – und damit auch die Johanniter – war trotz der Militärreform Anfang des 19. Jahrhunderts immer noch in hohem Prozentsatz im Offizierskorps des Militärs vertreten. Entsprechend war man im Orden hochmotiviert, sich fürs Vaterland einzusetzen und dem Ruf des Kaisers zu folgen. Sei es mit der Waffe oder in der Pflege der Verwundeten.

Trotz jahrelangen Trainings auch der Koordinatoren gab es bei der Aufstellung der Freiwilligen Kriegskrankenpflege zunächst massive Probleme bei den Transporten und beim Einrichten der Lazarette. Als die Zuständigkeiten und Einsatzleitungen endlich geklärt waren, arbeiteten die Johanniter-Einrichtungen relativ reibungslos. Außer Diakonissen arbeiteten auch Johanniterschwestern mit, die in den Häusern nicht gebraucht wurden. Ja, für die selbst finanzierten Lazarettzüge, die von Johanniter-Rittern begleitet wurden, scheint es geradezu selbstverständlich gewesen zu sein, dass diese adliges Schwestern-Personal und nicht etwa bürgerliche Diakonissen an Bord hatten.

Jenseits der Feldlazarette stellten immer wieder Adlige auch ihre Privathäuser als provisorische Lazarette zur Verfügung. Die propagierte Haltung innerhalb des Ordens war ganz auf Vorbild programmiert: lange Zeit wurde auf Sieg gesetzt, der nationale Geist beschworen und die sittliche Reifung, die ein Krieg bewirke, betont.

Die Niederlage Deutschlands und die Abdankung des Kaisers empfanden die Ritter des Ordens auch als Niederlage des eigenen Standes. Der in den vergangenen Jahrzehnten mühsam stabilisierte Rang des Adels war jetzt plötzlich Makulatur. In der neuen Gesellschaftsordnung gab es keinen natürlichen Platz mehr für die Elite von gestern. Die Gebietsverluste im Osten trafen besonders viele Johanniter aus dieser Region. Der Ordenszweck der Krankenhausgründungen hatte 1918 längst seinen innovativen und exklusiven Charakter eingebüßt, und die Ausbildung von Pflegeschwestern professionalisierte sich nun massiv außerhalb der Ordens- und Diakonissenhaus-Struktur.

Am Beginn der Weimarer Republik musste sich der Johanniterorden also schon wieder neu erfinden – auf den Fundamenten der Tradition, aber mit Sensibilität für die Erfordernisse der neuen Zeit.

Beispiel: Ein Gedicht einer Johanniterschwester im Ordensblatt im März 1919 stellt das Kreuz in den Mittelpunkt als Zeichen des Sieges in „schicksalsschweren Zeiten“.

Und der Werkmeister der Schlesischen Genossenschaft bat Gott in einem Schlussgebet beim Rittertag um den Segen für die Krankenhäuser der Johanniter, „damit sie auch in dieser tiefernsten rechtlosen Zeit Kraft finden, zum Heile der armen Kranken, Mühseligen und Beladenen.“

Das Festhalten am Evangelium wurde zum Ankerpunkt für das Weiterbestehen des Ordens in der Weimarer Republik.

Vorher Treue zu Monarchie = Treue zu Christus, jetzt: solus Christus.

 

 

Das Foto zeigt das seit 1945 verschollene Bild "Besser Ritter als
Knecht". Es wurde 1866 von Constantin Cretius für den Ordenssitz in
Sonnenburg gemalt. Die linke Seitentafel zeigt die Tätigkeit der
Johanniter als Sanitäter im Deutsch-Dänischen Krieg 1845. Die Zeremonie
des Ritterschlags bildet das Zentrum der Bildtafeln. Auf der rechten
Seite ist die Ankunft von Johanniterrittern im Libanon dargestellt, die
1860 dort geflüchteten Christen zu Hilfe kamen.
Das Foto befindet sich im Hessischen Staatsarchiv: R 4 Nr. 38538/1-2 GF.