Nina Grabe

 

Stationäre Versorgung über 50-jähriger „Displaced Persons“ bzw. „heimatloser Ausländer“ in den westlichen Besatzungszonen und der Bundesrepublik Deutschland (1950 bis ca. 1975)

 

Nach Kriegsende verblieben etwa 12 Millionen ausländische Zivilisten in den westlichen Besatzungszonen.[1] Bei diesen handelte es sich sowohl um ehemalige Zwangsarbeiter und die befreiten Juden nichtdeutscher Herkunft als auch um Menschen, die vor, während oder nach dem Krieg freiwillig nach Deutschland gekommen bzw. geflohen waren. Der Großteil dieser sog. „Displaced Persons“ (DPs) stammte aus Osteuropa.[2] 

Bis 1950 standen die DPs unter dem Schutz der Alliierten. Sie wurden fast ausschließlich in Lagern untergebracht und von internationalen Flüchtlingsorganisationen wie der „International Refugee Organisation“ („IRO“) versorgt. Nach der sich bis etwa Mitte der 1950er Jahre vollziehenden Repatriierung oder Auswanderung der jüngeren und arbeitsfähigen Personen blieben letztlich v. a. alte und kranke DPs bzw. „heimatloser Ausländer“ in Deutschland zurück. Bedurften diese einer ständigen stationären Betreuung, fanden sie überwiegend in speziellen, von der „IRO“ betreuten Altersheimen Unterkunft.

Im Sommer 1950 übergaben die Besatzungsmächte die Verantwortung für die DPs offiziell an die Bundesrepublik. Da auch die „IRO“ ihre Arbeit in Deutschland beendete, gingen auch die „Ausländerheime“ in deutsche Verwaltung über. Deren Betreuung übertrugen die Alliierten den christlichen freien Wohlfahrtsverbänden, denen sie mehr Vertrauen entgegenbrachten als den staatlichen Institutionen.[3] Da ein großer Teil der Heimbewohner den im „Weltkirchenrat“ („WCC“) organisieren protestantischen und orthodoxen Kirchen angehörte, übernahm v. a. die evangelische „Innere Mission“ die Trägerschaft der Heime. 1951 änderte sich der rechtliche Status der DPs, die nun als „heimatlose Ausländer“ bezeichnet und den Deutschen, wenn auch mit Einschränkungen, weitgehend gleichgestellt wurden.[4] Zur langfristigen Unterbringung der „heimatlosen Ausländer“ errichteten die deutschen Heimträger – mit finanzieller Unterstützung aus dem Ausland – seit Anfang der 1950er Jahre eine Handvoll neuer Altersheime.[5]

 

Räumliche Bedingungen

Zwar handelte es sich bei den nach Kriegsende als DP-Altersheime eingerichteten Unterkünften um Provisorien, im Vergleich zu den Hemen für deutsche Flüchtlinge gestalteten sich die Wohnbedingungen teilweise jedoch besser. So boten die „Ausländerheime“ den alten Menschen schon in den ersten Nachkriegsjahren eine komfortablere Ausstattung mit fließendem Wasser und Zentralheizung. Aufgrund der auch nach dem Rückzug der „IRO“ gewährleisteten finanziellen Unterstützung ausländischer Hilfsorganisationen besaßen auch die in den 1950er Jahren errichteten „Ausländerheime“ einen vergleichsweise hohen Wohnkomfort und verfügten z. B. fast alle über Einzel- oder Zweibettzimmer.

 

Beispiele für Altersheime für „heimatlose Ausländer“

„Evangelisches Altersheim für heimatlose Ausländer Varel“

In den ersten Nachkriegsjahren lebten in den ehemaligen Marinekasernen im norddeutschen Varel etwa 3000 DPs aller Altersstufen. Nach der Ende 1949 durchgeführten Umquartierung des Großteils der Bewohner erhielt das Haus eine neue Bestimmung als „Evangelisches Altersheim für heimatlose Ausländer“. 1950 übernahmen sowohl die „Innere Mission“ als auch die „Caritas“ die Trägerschaft. Durch die Auflösung anderer Einrichtungen, deren Bewohner im Laufe der 1950er Jahre nach Varel verlegt wurden, entwickelte sich das Heim schließlich zum größten Altersheim in Norddeutschland und versorgte z. T. über 1000 alte Menschen. 1959 musste letztlich auch das Vareler Heim im Zuge des sog. „Barackenräumprogramms“ aufgelöst werden. Die Bewohner wurden sowohl in bereits bestehende, z. T. auch „deutsche“ Heime als auch in neu erbaute „Ausländerheime“ verlegt.

 „Altenwohnheim Darmstadt“

Das 1959 neu errichtete „Altenwohnheim Darmstadt“ befand sich in evangelischer Trägerschaft und nahm v. a. russischsprachige „heimatlose Ausländer“ russisch-orthodoxer Religion auf. Ein großer Teil der Bewohner und auch einige Mitarbeiterinnen hatten zuvor im Altersheim Varel gelebt.

„Beckhof-Altersheim“  

Die „Beckhofsiedlung“ war 1958 von den „v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel“ gegründet worden und diente der Aufnahme betreuungsbedürftiger körperlich oder psychisch erkrankter „heimatloser Ausländer“. Ein Großteil von ihnen fand in den siedlungseigenen Werkstätten eine z. T. auch medizinisch überwachte Beschäftigung. Zur Siedlung gehörte ein Altersheim, das v. a. „amputierte Pflegebedürftige, betreuungsbedürftige Alte“ und „geistig und charakterlich Veränderte“ versorgte.[6]

 

Die Heimbewohner

Die meisten Bewohner der Altersheime für DPs bzw. „heimatlose Ausländer“ stammten aus den baltischen Ländern, d. h. aus Lettland, Estland und Litauen, wobei die Letten deutlich dominierten.[7] Einen großen Anteil stellten zudem Menschen russischer, ukrainischer, polnischer und jugoslawischer Herkunft. Während sich nicht wenige Personen aus Angst vor kommunistischer Verfolgung oder aufgrund ihrer Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht weitgehend freiwillig in Deutschland aufhielten, gestaltete sich die Situation für ehemalige Zwangsarbeiter, die gewaltsam nach Deutschland deportiert worden waren, weitaus schwieriger. Es handelte sich bei den Heimbewohnern also um eine sehr heterogene Gruppe, innerhalb derer nicht nur kulturelle, religiöse und nationale, sondern ebenfalls erhebliche politische und weltanschauliche Differenzen bestanden. Zugleich führte das gemeinsame Schicksal jedoch oft zu einem starken Zusammenhalt, zumal die Bewohner häufig auch derselben Religion angehörten und dieselbe Sprache sprachen. In Unterkünften, die überwiegend Menschen aus denselben Herkunftsgebieten aufnahmen, bildete sich leicht ein Klima nationaler Homogenität heraus, das Bewohner anderer Herkunft leicht zu Außenseitern machte. Zudem konnte auch zwischen Heimbewohnern, welche dieselbe Nationalität besaßen, eine durchaus große Heterogenität bestehen, die sich sowohl in der politischen Einstellung als auch der Religion, der sozialen und gesellschaftlichen Stellung sowie im Bildungsniveau zeigte. Beispielsweise verstanden sich zwei, über kaum Schulbildung verfügende Bewohner des „Beckhof-Altersheims“ zwar beide als Ukrainer;[8] Herr S. hatte jedoch auf Seiten der deutschen Wehrmacht gekämpft,[9] während sein Mitbewohner als Zwangsarbeiter in einer deutschen Munitionsfabrik als billige Arbeitskraft ausgenutzt worden war.[10] Das russisch geprägte „Altenwohnheim Darmstadt“ verfügte ebenfalls über eine sehr verschiedene Bewohnerklientel und versorgte sowohl Menschen, die als Zarenanhänger z. T. bereits in den 1920er Jahren aus der Sowjetunion geflohen waren, als auch ehemalige Zwangsarbeiter.

 

In den 1950er und 1960er Jahren lagen das Eintrittsalter sowie der Altersdurchschnitt der Heimbewohner vergleichsweise niedrig. Während das Heimeintrittsalter der deutschen Bevölkerung im Durchschnitt bei etwa 70 bis 75 Jahren lag,[11] wurden viele DPs und „heimatlose Ausländer“ bereits als unter 60-Jährige in ein Altersheim eingewiesen. Auch bei den insgesamt 60 Bewohnern des „Beckhof-Altersheims“ betrug das Durchschnittsalter z. B. im Jahr 1959 nur 58 Jahre.[12] Unter den ehemaligen Zwangsarbeitern, die zumeist in einem jungen Alter verschleppt worden waren, befand sich insgesamt ein höherer Anteil an unter 60-Jährigen als unter den vor kommunistischer Verfolgung geflohenen Personen wie z. B. den russischen Emigranten der Zwischenkriegszeit.

 

Aufnahmemodalitäten

Obwohl die DPs möglichst getrennt nach Herkunftsländern untergebracht werden sollten, war dies nur selten möglich. Im Altersheim „Bodenteich“ z. B. lebten 1950 insgesamt über 200 alte Menschen aus vielen verschiedenen Herkunftsländern, darunter 153 Letten, 28 Ukrainer, zwölf Litauer, 14 Jugoslawen, zehn Polen, sechs Staatenlose, drei Rumänen und ein Ungar.[13] Obwohl für die konfessionellen Heimträger weniger die Nationalität als vielmehr die Religion der Bewohner eine Rolle spielte, erwies sich eine Aufteilung nach Konfessionen ebenfalls kaum umsetzbar. Folglich verfügten die meisten Heime nicht nur oft über mehrere Geistliche, sondern auch über mehrere Sakralräume. Einige der in den 1950er Jahren neu errichteten „Ausländerheime“, z. B. das „Altenwohnheim Darmstadt“,[14] boten jedoch vorwiegend Menschen aus bestimmten Herkunftsländern und bestimmter Religionszugehörigkeit Unterkunft. Im „Beckhof-Altersheim“ hingegen entschied allein die Betreuungsbedürftigkeit und nicht die Religionszugehörigkeit oder Nationalität über die Aufnahme. So stammten die Heimbewohner aus etwa sieben verschiedenen Herkunftsländern, insbesondere aus Polen und Jugoslawien. Gleichfalls fühlten sie sich unterschiedlichen christlichen Konfessionen zugehörig.[15]

Anders als viele Altersheime für die deutsche Bevölkerung[16] standen die „Ausländerheime“ sowohl allen sozialen Schichten als auch beiden Geschlechtern offen. Zudem bestand für die nach 1950 eingerichteten Häuser die Verpflichtung, zehn Prozent der Plätze auch deutschen Bewerbern zur Verfügung zu stellen.[17]

 

Der Alltag im Heim

Alle Heime für DPs bzw. „heimatlose Ausländer“ nahmen Rücksicht auf die Kultur und Religion der Bewohner. Einige Heime besaßen u. a. kleine Bibliotheken mit Büchern in den jeweiligen Landessprachen sowie Personal und Heimärzte, welche die Sprache der Bewohner beherrschten. Zudem standen häufig Gerichte aus den Herkunftsländern der alten Menschen auf dem Speiseplan. Gleichfalls konnten regelmäßig kulturelle Veranstaltungen, u. a. auch auf Eigeninitiative der Heimbewohner sowie der ausländischen Hilfsorganisationen organisiert werden. Berücksichtigt wurden außerdem religiöse Bräuche und Feste wie das orthodoxe Osterfest.

Da die deutsche Mehrheitsgesellschaft den „Ausländern“ vielfach nicht positiv gegenüberstand, empfanden die Heimbewohner das Zusammenleben mit Menschen gleicher Herkunft, Sprache und Religion als wichtige seelische Unterstützung. Somit gestaltete sich das Zusammenleben –

trotz vieler Gegensätze und Differenzen – durchaus positiv. Deutlich wird dies z. B. auch in einem – sicherlich geschönten – Bericht aus der „Beckhofsiedlung“ von 1960. Ein Bewohner schrieb über die Briefmarkenabteilung der siedlungseigenen Werkstätten: „Heute können wir sagen, daß diese Werkstätten im Sinne des Wortes eine kleine „UNO“ geworden sind.(…) Hier gibt es keine Grenzen oder bösartigen Nationalismus mehr, sondern nur noch Menschen. (…)Hier sitzen sie zusammen an dem markenbeladenen Tisch, ein ehemaliger lettischer Offizier mit dem rumänischen Bauern aus Bukowina, der Russische Gymnasiallehrer neben dem Förster aus Jugoslawien“.[18]

Mit der Übergabe der DP-Altersheime in deutsche Verwaltung nahmen die Außenkontakte der Bewohner deutlich zu. Einige, v. a. männliche Bewohner des „Beckhof-Altersheims“ hielten sich z. B. regelmäßig im Nachbarort auf. Dass sich das dortige Lebensmittelgeschäft jedoch zum Treffpunkt der alkoholabhängigen Heimbewohner entwickelte, wirkte sich äußerst negativ auf das öffentliche Ansehen der Beckhofsiedlung aus.[19] Außerdem entstanden durch den vermehrten Einzug von deutschstämmigen Bewohnern engere Beziehungen zur deutschen Bevölkerung.

 

Bedingt durch die unterschiedlichen Sprachen der Bewohner, gehörten Verständigungsprobleme zum Heimalltag. Viele DPs bzw. „heimatlose Ausländer“ verfügten zwar über deutsche Sprachkenntnisse; insbesondere ältere Menschen konnten sich aber ausschließlich in ihrer Muttersprache unterhalten. So auch die Bewohner des „Beckhof-Altersheims“.[20] Aufgrund ihrer noch immer sehr mangelhaften deutschen Sprachkenntnisse bemühten sich viele „heimatlose Ausländer“ auch noch in den 1970er Jahren bewusst um ein „Ausländerheim“, in dem sie sich mit ihren Mitbewohnen in ihrer Muttersprache unterhalten   konnten.[21]

 

Konflikte

Dass in den Altersheimen Menschen mit unterschiedlichen Biographien und Charakteren zusammentrafen, barg ein hohes Konfliktpotenzial. Im Altersheim traten die Unterschiede besonders deutlich zu Tage, da den dort lebenden Menschen jegliche Aussicht auf ein eigenständiges Leben außerhalb der „erzwungenen“ Hausgemeinschaft verwehrt blieb. Viele Konflikte beruhten auf politischen, ethnischen, religiösen und sozialen Spannungen, z. B. zwischen West- und Ostukrainern oder zwischen Kommunisten und Antikommunisten. Ernsthafte Differenzen führten nicht selten sogar zum Heimauszug bzw. zu einem Heimwechsel.

Bedingt durch die oben genannten Vorurteile gegenüber den „Ausländern“ besaßen die „Ausländerheime“ unter der deutschen Bevölkerung einen schlechten Ruf. Da es tatsächlich immer wieder massive Probleme mit einzelnen, verhaltensauffälligen Heimbewohnern gab, befürchteten auch die Heimleitungen, dass sich die in der Bevölkerung vorherrschenden negativen Vorurteile durch diese Vorfälle bestätigen könnten. Beispielsweise entstanden im Beckhof-Altersheim wiederholt Konflikte mit Bewohnern, die im alkoholisierten Zustand oder aufgrund psychischer Erkrankungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregten.

Dass es häufig zu Konflikten und Problemen kam, wurde nicht nur primär als Folge des „Lagerdaseins“ interpretiert, sondern v. a. auch auf die Mentalität der Bewohner geschoben. So galten v. a. die Osteuropäer als „arbeitsscheue“ und „phlegmatische“ Menschen.[22] Vor allem die deutschen Behörden standen den „Ausländern“ weitgehend desinteressiert oder sogar ablehnend gegenüber. Dagegen zeigten nicht nur die internationalen, sondern auch die deutschen Wohlfahrtsverbände und -organisationen z. T. großes Engagement. Da die alten und kranken Bewohner der „Ausländerheime“ weniger als „Problemgruppe“ und „asoziale Kriminelle“, sondern vielmehr als hilfsbedürftige und „entwurzelte“ Opfer des Kriegs angesehen wurden, deren Lebenszeit ohnehin begrenzt war, stießen sie insgesamt auf weniger Ablehnung als die jüngeren DPs bzw. „heimatlosen Ausländer“. Die Betreuung der „Ausländerheime“ war aber auch von der „inneren Mission“ und dem „Caritasverband“ keinesfalls begrüßt, sondern vielmehr an diese „herangetragen“ worden. Trotzdem besaßen die freien Wohlfahrtsverbände aber durchaus ein echtes Interesse am Schicksal der DPs bzw. „heimatlosen Ausländer“, das sich primär in der inneren Verpflichtung zur christlichen Nächstenliebe, insbesondere gegenüber Alten und Kranken, begründete. Ähnlich den deutschen Flüchtlingen höheren Alters sollten auch die DPs und „heimatlosen Ausländer“ eine besondere Zuwendung erhalten und in eigens für sie errichteten Altersheimen eine Ersatzheimat finden. Dass die überwiegende Mehrheit der in Westdeutschland verbleibenden nichtjüdischen DPs bzw. „heimatlosen Ausländer“ einer christlichen Kirche angehörte, stellte sich als großer Vorteil heraus. So erleichterte der gemeinsame Glaube nicht nur die gegenseitige Kontaktaufnahme, sondern wirkte sich ebenfalls stark auf die Hilfsbereitschaft aus, die den „Ausländern“ von den deutschen Wohlfahrtsverbänden und deren Mitarbeitern entgegengebracht wurde. Das deutsche Personal war aber keineswegs immer frei von Vorurteilen. Bei größeren Konflikten mit dem Personal wandten sich viele Heimbewohner an die in Deutschland tätigen ausländischen Hilfsorganisationen, die ihnen zumeist beratend zur Seite standen.

 

Religion

Wie schon erwähnt, befand sich der Großteil der für DPs bzw. „heimatlose Ausländer“ errichteten Altersheime in evangelischer Trägerschaft. Auch die Mehrzahl der Bewohner gehörte einer christlichen Kirche an, wobei die Protestanten sowie die Orthodoxen dominierten. Die „Ausländerheime“ standen auch nach 1950 in regelmäßigen Kontakt mit den ausländischen christlichen Organisationen. So kooperierten die protestantischen Heimträger nicht nur mit den deutschen, sondern auch mit den internationalen evangelischen Hilfsorganisationen sowie dem World Council of Churches (WCC), dem sowohl die protestantischen als auch die orthodoxen Kirchen angehörten. Die wenigen katholischen, von der „Caritas“ errichteten „Ausländerheime“ erhielten ebenfalls Hilfsleistungen von internationalen katholischen Organisationen. Demzufolge konnten alle Heime eine regemäßige seelsorgerische Betreuung in der Muttersprache der Bewohner gewährleisten.

Für die alten Menschen besaß die Anbindung an eine bestimmte Religionsgemeinschaft eine erhebliche identitätsstiftende bzw. -erhaltende Funktion. Dabei ging der Zusammenhalt mit anderen Glaubensgenossen weit über das Religiöse hinaus. So fungierten religiöse Riten und Feste auch in den Altersheimen als „Brücke“ zur verlorenen Heimat und boten emotionalen Halt.

 

Gesundheitliche Situation und Betreuung

Insbesondere die ehemaligen Zwangsarbeiter wiesen aufgrund der jahrelangen Ausnutzung ihrer Arbeitskraft und der schlechten Lebensbedingungen häufig schon als unter 50-jährige vorzeitige Alterserscheinungen sowie psychische Auffälligkeiten und chronische Erkrankungen auf.[23] Auch in der auf Betreuungsfälle ausgerichteten „Beckhofsiedlung“ zeigten sich bei nahezu allen Bewohnern gesundheitliche Schäden, insbesondere chronische Erkrankungen sowie Tbc.[24] Im Alter von nur 46 Jahren fand z. B. 1958 ein ehemaliger Zwangsarbeiter Aufnahme im Beckhof-Altersheim, der aufgrund einer Handlähmung und einer Gehbehinderung nur noch einfache Arbeiten in den siedungseigenen Werkstätten ausüben konnte.[25] Auffallend viele Heimbewohner litten zudem unter psychischen Erkrankungen, schwerem Alkoholismus und Verfolgungsängsten. Da meist nur die großen Altersheime über spezielle Pflegeabteilungen mit einer hohen Anzahl an Plätzen verfügten, mussten pflegebedürftig gewordene Altersheimbewohner häufig entweder in ein Krankenhaus oder ein Pflegeheim verlegt werden.

Wie die gesamte Kranken- und Altenpflege, litten auch die Einrichtungen für DPs und „heimatlose Ausländer“ unter einem großen Mangel an Pflegepersonal, insbesondere an krankenpflegerisch ausgebildeten Mitarbeitern. Bis zur Übergabe der DP-Altersheime in die Hände der deutschen Wohlfahrtsverbände übernahmen sowohl deutsche als auch ausländische Krankenschwestern und -pfleger die Betreuung. Ab den frühen 1950er Jahren beschäftigten die Heimträger vorwiegend evangelische und katholische Mutterhausschwestern sowie sog. „freie Schwestern“ und eine geringe Anzahl von Diakonen. Im Gegensatz zur Mehrzahl der deutschen Heime erfolgte – vielfach auf Initiative der ausländischen Hilfsorganisationen – in den „Ausländerheimen“ der Einsatz von Fürsorgerinnen und Beschäftigungstherapeuten. Aus diesem Grund konnten einige Heime eine qualifizierte, medizinisch überwachte Beschäftigungs- und Arbeitstherapie anbieten. Im „Beckhof-Altersheim“ umfasste diese sogar entlohnte Auftragsarbeiten, wobei die alten Menschen bevorzugt in der Briefmarkenabteilung Einsatz fanden. Die meisten Unterkünfte verfügten zudem über eigene Heimärzte, die z. T. sogar auf dem Heimgelände lebten.

 

Rückgang der Bewohnerzahlen

Ab Ende der 1960er Jahre nahm die Zahl der „heimatlosen Ausländer“ unter den Heimbewerbern in allen „Ausländerheimen“ stetig ab. Zur Aufrechterhaltung des Heimbetriebs sahen sich die Heimträger zur vermehrten Aufnahme deutscher Bewerber gezwungen. 1970 lebten z. B. im Altersheim Darmstadt, das über 164 Plätze[26] verfügte, nur noch 75 russischstämmige Bewohner.[27] Nicht selten fühlten sich die im Haus lebenden ausländischen Heimbewohner zunehmend „verdrängt“.[28] Zudem kam es aber nicht nur zu einer Dominanz der deutschen Heimbewohner, sondern auch zu strukturellen Veränderungen im Heimalltag. Beispielsweise wurden osteuropäische Traditionen und Festtage, wie das orthodoxe Osterfest, in einigen Heimen nicht mehr länger berücksichtigt.

Schwierig gestaltete sich der Heimalltag v. a. für DPs und „heimatlose Ausländer“, die – in einem herkömmlichen „deutschen“ Heim – ausschließlich mit deutschen Mitbewohnern zusammenlebten.

 

 

 

 

[1] Im folgenden Text wird zwecks einfacheren Leseflusses die grammatikalisch männliche Form verwendet. Es sind aber, wenn nicht extra erwähnt, immer beide Geschlechter mitgedacht.

[2] Jacobmeyer, Wolfgang: Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945–1951 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Hg v. Berding, Helmut, Kocka, Jürgen, Wehler, Hans-Ulrich, Bd. 65), Göttingen 1985, S. 15.  

[3] Eckert, Gisela: Hilfs- und Rehabilitierungsmaßnahmen der West-Alliierten des Zweiten Weltkrieges für Displaced Persons (DPs). Dargestellt am Beispiel Niedersachsen 1945-1952, Diss. TU Braunschweig 1996, S. 220.

[4] Jacobmeyer, Wolfgang: Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945–1951 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Hg v. Berding, Helmut, Kocka, Jürgen, Wehler, Hans-Ulrich, Bd. 65), Göttingen 1985, S. 229.

[5] Die Ergebnisse dieser Untersuchung beziehen sich auf insgesamt neun „Ausländerheime“, von denen einige nur wenige Monate bzw. Jahre, die übrigen Einrichtungen jedoch über mindestens zehn Jahre, z. T. sogar – wenn auch mit einer veränderten Bewohnerstruktur – bis heute fortbestanden bzw. fortbestehen.  

[6] Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (= LAELKB), DW, Nr. 1524, Rep. Nr. 24: Frohes Schaffen“ für versorgungsbedürftige heimatlose Ausländer“ in der Beckhof-Siedlung, v. W. Gebauer.

[7] Da unter den Balten insgesamt wenig Ressentiments gegen die Deutschen bestanden, in vielen Fällen sogar eine aktive Kollaboration erfolgt war und das kommunistische Regime der Sowjetunion auf breite Ablehnung stieß, entschieden sich viele Letten, Esten und Litauer freiwillig für den Verbleib in Westdeutschland.

[8] Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel (= HAB), Beckhof Patientenakten 1, Nr. 267: N. S: Landeskrankenhaus Gütersloh, Landesmedizinalrat: Zusammenfassung, v. 2.2.1965.

[9] HAB, Beckhof Patientenakten 1, Nr. 267: N. S.: Altersheim Beckhof an W. Gebauer, v. 20.10.1960.

[10] HAB, Beckhof Patientenakten 1, Nr. 276: N. J.: Fragebogen, o. D.

[11] Vgl. dazu auch: Grabe, Nina: Die stationäre Versorgung alter Menschen in Niedersachsen 1945–1975 (Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Beiheft 61), Diss. Uni Stuttgart 2016. S. 206-210.

[12] HAB, UNO 1958-1963, 2/16-18: Belegungsliste Altersheim Beckhof-Siedlung, o. D. (1959).

[13] Niedersächsisches Landesarchiv/Hauptstaatsarchiv Hannover (= NHStAH), Nds. 120 Lün. Acc. 31/67, Nr. 82: Fragebogen v. 15.7.1950, DP-Lager Bodenteich.

[14] Da das etwa 100 Plätze aufweisende Darmstädter Heim bevorzugt „heimatlosen Ausländern“ russischer Herkunft Unterkunft bot, bestimmte hier primär die Zugehörigkeit zur russischen Kultur und Sprache über den Heimeinzug.

[15] HAB, UNO 1958-1963, 2/16-18: Belegungsliste Altersheim Beckhof-Siedlung, o. D. (1959).

[16] Z. B. nahmen zahlreiche Heime für Deutsche ausschließlich Frauen auf. Ebenfalls existierten sowohl Einrichtungen für die gebildeten, „bürgerlichen“ Sozialschichten als auch Häuser für die sog. „Unterschichten“: vgl. dazu: Grabe, Die stationäre Versorgung alter Menschen in Niedersachsen 1945–1975 (Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Beiheft 61), Diss. Uni Stuttgart 2016, S. 110-116.   

[17] Vgl. z. B.: Displaced Populations. Welfare, Assistance and Problems in Germany Today, Office of the US High Commissioner for Germany, Frankfurt, Germany 1950, S. 45.

[18] Globig, Wulf-Christian: Die Beckhofsiedlung und das „Frohe Schaffen“ als Modell für die Rehabilitation versorgungsbedürftiger Heimatloser Ausländer (Sozialhygienische Forschungen. Schriftenreihe der Lehranstalt für Allgemein- und Sozialhygiene an der Universität Hamburg), Hamburg 1960, S. 7f.

[19] HAB, Beckhof Patientenakten 1, Nr. 267: N. S.: Altersheim Beckhof an W. Gebauer, v. 20.10.1960.

[20] Globig, Wulf-Christian: Die Beckhofsiedlung und das „Frohe Schaffen“ als Modell für die Rehabilitation versorgungsbedürftiger Heimatloser Ausländer (Sozialhygienische Forschungen. Schriftenreihe der Lehranstalt für Allgemein- und Sozialhygiene an der Universität Hamburg), Hamburg 1960, S. 65.

[21] So 1970 die 80-jährige Maria L., die nur russisch sprach und sich im Darmstädter Heim bewarb: Landeskirchliches Archiv Hessen-Nassau (= LkAHN), Bestand 160, Nr. 31: Leiterin Wohlfahrtsabteilung an Altersfürsorgeamt Duisburg, v. 10.4.1970.

[22] Kühne; Hans-Jörg: Herausforderung Migration: Geschichte der Beckhofsiedlung der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, Bielefeld 2008, S. 43.

[23] Jacobmeyer, Wolfgang: Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945–1951 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Hg v. Berding, Helmut, Kocka, Jürgen, Wehler, Hans-Ulrich, Bd. 65), Göttingen 1985, S. 19; Föcking, Friederike: Fürsorge im Wirtschaftsboom. Die Entstehung des Bundessozialhilfegesetztes von 1961, München 2003, S. 34.

[24] Globig, Wulf-Christian: Die Beckhofsiedlung und das „Frohe Schaffen“ als Modell für die Rehabilitation versorgungsbedürftiger Heimatloser Ausländer (Sozialhygienische Forschungen. Schriftenreihe der Lehranstalt für Allgemein- und Sozialhygiene an der Universität Hamburg), Hamburg 1960, S. 4.

[25] HAB, Beckhof Patientenakten 1, Nr. 176: M. K.: Beckhofverwaltung an Sozialamt Landkreis Bielefeld, v. 30.8.1967; HAB, Beckhof Patientenakten 1, Nr. 176: M. K.: Sozialamt Landkreis Bielefeld, v. 9.11.1967.

[26] LkAHN, Bestand 160, Nr. 49: Altenwohnheim Darmstadt, Gesellschaft für Diakonische Einrichtungen in Hessen und Nassau…, o. D.

[27] LkAHN, Bestand 160, Nr. 31: Leiterin Wohlfahrtsabteilung an Altersfürsorgeamt Duisburg, v. 10.4.1970.

[28] LAELKB, KDM, Nr. 2.2.0004-726: Referat Fürsorgerin, Insula, v. 3.6.1965, S. 1